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KW 50Die Woche, in der wir nervös sind, obwohl wir etwas zu feiern haben

Die 50. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 25 neue Texte mit insgesamt 227.220 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Markus Reuter
Mandelbrot / Fraktale
– Gemeinfrei: erstellt mit dem Mandelbrot Viewer

Liebe Leser:innen,

es fehlen noch sehr viele Spenden, damit wir im nächsten Jahr so weitermachen können wie bisher. Genau genommen sind es mehr als 308.000 Euro, die in den kommenden zwei Wochen reinkommen müssen.

Vielerorts riecht es nach gebrannten Mandeln und Glühwein. Wir schauen derweil nervös auf unser Vereinskonto. Von Besinnlichkeit und Festtagslaune kann bei uns noch keine Rede sein.

Dabei gibt es in dieser Woche auch etwas zu feiern: Der erste Anlauf, europaweit eine Chatkontrolle einzuführen, scheint vorerst gescheitert. Dieser Etappensieg ist nicht nur dem unermüdlichem Einsatz von Bürgerrechtsorganisationen, Datenschützer:innen und Politiker:innen unterschiedlicher Couleur zu verdanken. Sondern auch netzpolitik.org hat seinen Anteil daran, dass die Chatkontrolle nicht einfach durchgeflutscht ist, sondern die Überwachungsbefürworter:innen in arge Erklärungsnöte gerieten.

Denn eines können wir besonders gut: Frühzeitig, fundiert und kritisch über Probleme berichten. Als Frühwarnsystem haben wir schon vor mehr als zwei Jahren über die Chatkontrolle geschrieben. Damals hat sich noch kaum jemand für das Thema interessiert.

Seitdem haben wir über fast jeden Schritt im Gesetzesprozess, aber auch über jeden Skandal und jeden offenen Brief berichtet. Wir haben der Zivilgesellschaft eine Plattform für ihre Bedenken gegeben, haben über die technischen Fragen hinaus recherchiert und immer wieder geheime Papiere veröffentlicht.

Knapp 200 Artikel sind in den vergangen zwei Jahren zum Thema auf netzpolitik.org erschienen. Frei zugänglich für Aktivist:innen, Journalist:innen und all unsere Leser:innen. Informationen gegen Überwachung und für den Erhalt von Grundrechten. Kein anderes Medium hat soviel berichtet und war so nah dran bei diesem Thema. Damit die Welt kein Ort ohne Privatsphäre wird.

Ich finde die Chatkontrolle ist ein gutes Beispiel dafür, wie engagierter Journalismus mit Haltung funktioniert. Und das Thema zeigt allzu deutlich, warum netzpolitik.org so verdammt wichtig ist. Gemeinsam mit anderen haben wir gezeigt, wie sich eine vielfältige, international vernetzte, gut organisierte und ordentlich finanzierte Zivilgesellschaft gegen demokratiefeindliche Projekte wehren kann.

Uns allen in der Redaktion ist klar, dass der eigentliche Dank den Leser:innen gebührt. Denn ihr macht mit Eurer Unterstützung erst möglich, dass wir mit unseren Beiträgen für digitale Grundrechte kämpfen können.

Mit Eurer Spende machen wir im nächsten Jahr weiter wie bisher.

Vorweihnachtlich nervös grüßt Euch

Markus Reuter

Unsere Artikel der Woche

KI-VerordnungSchraffierte rote Linien als Kompromiss

Nach zähen Verhandlungen haben sich EU-Parlament und Rat gestern Nacht auf die Endfassung des AI Act geeinigt. Der Kompromiss sieht wohl einige Schlupflöcher vor: Vor allem bei biometrischer Videoüberwachung und Predictive Policing haben sich die Mitgliedstaaten offenbar gegenüber dem EU-Parlament durchgesetzt.

Bullshit-BustersFinger weg vom Smartphone!

Die Bundesregierung hat ein neues Lieblingsthema: mehr Abschiebungen. Dafür greift sie zu immer härteren Mitteln. So müssen Ausländer:innen ohne Papiere ihre Handys durchsuchen lassen. Ein tiefer Eingriff in die Privatsphäre, der noch dazu weitgehend nutzlos ist. Wir berichten seit Jahren darüber und entlarven die falschen Argumente der Behörden. Denn digitale Grundrechte gelten für alle.

DegitalisierungStumpfer Technologieeinsatz

Idea Guys schlagen übermäßigen Einsatz von neuartigen Hype-Technologien vor und wollen damit Probleme lösen, die eigentlich warten können. Sie haben jede Menge Fanbois hinter sich, die ihnen zujubeln. Innovation ist King und setzt sich oftmals gegen Grundrechte durch.

Reaktion auf DatenmautTwitch stellt Dienste in Südkorea ein

Kritiker warnen: Die Einführung von Zugangsgebühren kann weitreichende Auswirkungen auf die digitale Landschaft eines Landes haben. In Südkorea zeigt sich das nun deutlich. Die Live-Streaming-Plattform Twitch kündigt an, ihre Dienste dort zu beenden.

KI-VerordnungDie Wunschliste der Mitgliedstaaten

Wir veröffentlichen ein Dokument aus dem Trilog zur KI-Verordnung. Es zeigt, was die Mitgliedstaaten alles durchdrücken wollten: automatische Einordnung von Menschen nach Ethnizität, Emotionserkennung, nachträgliche biometrische Analysen von Videoaufnahmen.

AI ActThe Member States’ Wish List

A document from the AI Act trilogue shows what member states were hoping to push through: Automated classification of people by race, emotion recognition, biometric analysis of video recordings. In some parts, the outcome is still unclear.

EU berät über "Going Dark"Hinter verschlossenen Türen

Eine ausgewogene Gruppe hochrangiger Expert:innen sollte für die EU Wege finden, wie Polizeien in Zeiten von Verschlüsselung ermitteln können. Nun kommt heraus: Wieder einmal hört die EU-Kommission vor allem dem Sicherheitsapparat zu, während sie der Zivilgesellschaft die kalte Schulter zeigt.

KI-VerordnungDas Nummernschild im Gesicht kommt

Parlament, Rat und Kommission haben sich auf die KI-Verordnung geeinigt. Sie wird trotz angeblicher Schutzmechanismen die automatische Gesichtserkennung jetzt europaweit etablieren. Das ist schlecht für die Demokratie. Ein Kommentar.

Interview zu Gesundheitsdigitalisierung„Wir brauchen maximale, handhabbare Selbstbestimmung“

Zwei Gesetze sollen die Gesundheitsdigitalisierung hierzulande beschleunigen – im Sinne des Patient:innen- und Gemeinwohls, wie das zuständige Bundesgesundheitsministerium betont. Manuel Hofmann von der Deutschen Aidshilfe befürchtet, dass sie mehr Diskriminierung insbesondere für chronisch kranke Menschen bringen.

Offener Brief zu Gesundheitsdigitalisierung„Vertrauen lässt sich nicht verordnen“

Zahlreiche Organisationen kritisieren die aktuellen Pläne der Bundesregierung zur Digitalisierung des Gesundheitswesens. Diese orientiere sich weder am Gemeinwohl noch an den Interessen der Patient*innen und verfehle damit ihre gesellschaftlichen Potenziale. Wir dokumentieren den offenen Brief.

EtappensiegVerpflichtende Chatkontrolle vorerst gescheitert

Die EU-Staaten können sich weiterhin nicht auf eine gemeinsame Position zur verpflichtenden Chatkontrolle einigen. Das geht aus internen Verhandlungs-Dokumenten hervor, die wir veröffentlichen. Das Gesetz wird wohl in dieser Legislaturperiode nicht mehr beschlossen.

Richtlinie zu Gewalt gegen FrauenWarum Deutschland kein EU-Gesetz gegen Vergewaltigung will

Es begann als ambitioniertes Vorhaben der EU-Kommission gegen sexualisierte Gewalt. Bei den heutigen Trilog-Verhandlungen droht jedoch ein Debakel. Ausgerechnet Deutschland blockiert eine europaweite Regelung gegen Vergewaltigung. Und der Rat möchte den besseren Schutz vor bildbasierter Gewalt und Deepfakes verwässern.

Deutsche BahnSchritt für Schritt gegen das Recht auf analoges Leben

Die Deutsche Bahn schafft die Bahncard aus Plastik ab. Ein vermeintlicher Versuch, digitalen Fortschritt und Umweltschutz zusammenzubringen. Kritiker:innen befürchten: Menschen, die bereits durch den technologischen Wandel benachteiligt sind, werden so weiter ausgeschlossen.

Was ist "grob aufdringlich"?Die feine Linie zwischen Porno und Erotik

Wer einen Porno ohne strenge Alterskontrollen verbreitet, kann sich in Deutschland strafbar machen. Bei Erotik ist das anders. Bloß: Wo liegt der Unterschied? Interne Dokumente zeigen erstmals, wie Medienwächter*innen sexuelle Aufnahmen bewerten.

GeoblockingMedienlobby verwässert Bericht des EU-Parlaments

Kein Tatort im Ausland? Das Parlament wollte eigentlich deutliche Worte gegen solches Geoblocking von Filmen und Serien in der Union finden. Ein Bericht sollte die EU-Kommission auffordern, aktiv zu werden. Stattdessen wurde er gestern im Plenum deutlich abgeschwächt.

GesundheitsdigitalisierungUnsichtbar gemachte Sicherheitsrisiken

Der Bundestag hat heute zwei Gesetzesentwürfe verabschiedet, die die Digitalisierung des Gesundheitswesens voranbringen sollen. Sorgen um den Datenschutz und die IT-Sicherheit wurden in der Plenardebatte einmal mehr in den Wind geschlagen. Ein Kommentar.

Glücksspiel im GamingWie Spieleanbieter Kinder vor dem Zocken schützen sollen

In Videospielen werden auch Kinder und Jugendliche zum Zocken verleitet. Die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz berät nun mit Fachleuten, wie sie junge Gamer:innen besser schützen kann – und befragt sie dazu auch selbst.

Über die Autor:innen

  • Markus Reuter

    Markus Reuter recherchiert und schreibt zu Digitalpolitik, Desinformation, Zensur und Moderation sowie Überwachungstechnologien. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit der Polizei, Grund- und Bürgerrechten sowie Protesten und sozialen Bewegungen. Für eine Recherchereihe zur Polizei auf Twitter erhielt er 2018 den Preis des Bayerischen Journalistenverbandes, für eine TikTok-Recherche 2020 den Journalismuspreis Informatik. Bei netzpolitik.org seit März 2016 als Redakteur dabei. Er ist erreichbar unter markus.reuter | ett | netzpolitik.org, sowie auf Mastodon und Bluesky.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP)


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